Die Milchkrise und die Kühe: Gnadenbrot für Erika - Heiß Landtechnik

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Die Milchkrise und die Kühe: Gnadenbrot für Erika

Erschienen am 08.08.2017
Kühe vollbringen Hochleistungen bei der Milchproduktion, doch in deutschen Ställen stehen immer weniger der Tiere. Mit der Milchkrise ist die Zahl der Schlachtungen im vergangenen Jahr deutlich angestiegen.

Wegberg/Kleve (dpa) - Frontkuh Erika gilt als ausgesprochen störrisch. «Kühe sind wie Menschen», sagt Sabrina Hötz vom Verein «Erika and Friends» aus Wegberg in Nordrhein-Westfalen. «Jede hat ihren eigenen Charakter.» Auf dem Hof bei Mönchengladbach stehen etwa 60 Kühe - darunter die mittlerweile 14 Jahre alte Erika. Milch gibt keines der Tiere mehr, doch das ist Hötz egal. Die Initiatoren des Projekts wollen «Kühen eine Zukunft geben», nachdem sie den Betrieb aus Kostengründen aufgegeben hatten - auf dem Höhepunkt der Milchkrise.

Das war vor etwa einem Jahr, als manche Bauern für einen Liter Milch nur um die 20 Cent bekamen. Mittlerweile sind die Preise wieder gestiegen. Aber die Zahl der Kühe in Deutschland ist gesunken. Nach Berechnungen des Agrarmarkt-Informationsdienstes (AMI) standen im Mai dieses Jahres knapp 58 000 Milchkühe weniger in deutschen Ställen als noch ein Jahr zuvor. Bei einem Bestand von knapp 4,21 Millionen Kühen entspricht das einem Rückgang um 1,4 Prozent.

Bauer Elmar Hannen aus dem niederrheinischen Kleve hat 120 Kühe im Stall. Er versucht, den in seinen Augen noch immer zu niedrigen Preisen zu trotzen. Auch nach dem Anstieg auf etwa 33 bis 35 Cent pro Liter sei das nicht kostendeckend - das sei für ihn erst zwischen 40 und 42 Cent erreicht, rechnet er vor. «Im Moment lebe ich von den Reserven.» Für zusätzliche Einnahmen sorgt etwa eine hofeigene Milchtankstelle, an der das flüssige Produkt zu Preisen von einem Euro pro Liter direkt gezapft werden kann.

Zum Schlachter wanderten im vergangenen Jahr bundesweit rund 1,3 Millionen Milchkühe - ein Plus von 5,5 Prozent. Ursache des Anstiegs seien die gesunkenen Milchpreise gewesen, so der Informationsdienst. Vor dem Hintergrund einer angespannten wirtschaftlichen Lage hätten 3 983 Bauern die Haltung von Milchkühen aufgegeben, so dass die Zahl der Höfe zum Stichtag Mai 2017 auf 67319 gesunken sei. Mit den derzeit wieder leicht steigenden Preisen seien dagegen auch die Schlachtungen im laufenden Jahr wieder zurückgegangen.

Unklar ist dabei jedoch, wie viele Tiere wegen Betriebsaufgaben oder Bestandsverkleinerungen in der Milchkrise zum Schlachter mussten. Etwa ein Fünftel bis ein Drittel der Milchkühe werde pro Jahr von den Bauern in der Regel aus Altersgründen ohnehin ausgetauscht, berichtet Hans Foldenauer vom Bund deutscher Milchviehhalter (BDM). «Früher sind die Kühe älter geworden.» Nach rund drei Jahren Milchproduktion bedeute dies für die dann etwa fünfjährigen Tiere den Gang zum Schlachter. Bei der Aufgabe eines Betriebes wandere der größte Teil der gesunden Tiere jedoch zu anderen Betrieben.

«Wir sind getrimmt worden, unsere Produkte möglichst billig anzubieten», stellt Foldenauer fest. Kühe in Deutschland geben dabei heute mehr Milch als noch vor einigen Jahren. Mit einer Produktion von jährlich etwa 7746 Kilo Milch verdiente die - meist schwarzbunte - deutsche Durchschnittskuh 2016 ihr Futter. Das waren 661 Kilo oder gut neun Prozent mehr als noch im Jahr 2010.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte im vergangenen Jahr Landwirte zu einer Abkehr von den Hochleistungskühen aufgefordert. Statt die Tiere in Großställen mit importiertem Gen-Soja zu füttern, sollten die Bauern künftig verstärkt auf eine artgerechte Tierhaltung mit heimischem Futter setzen - und dabei entsprechend weniger Milch produzieren, mahnte die Ministerin.

Die schwarzbunte Erika wird mittlerweile auf einer eigenen Weide gehalten und mit Spezialfutter ernährt. Das Tier könne bis zu 25 Jahre alt werden, berichtet Hötz vom Verein. Die Unterhaltskosten von rund 150 Euro pro Monat und Kuh versucht der Verein über Spenden und Patenschaften aufzubringen. Trotz vieler Anfragen habe man noch keine Nachahmer gefunden, bedauert sie. Platz für neue Tiere gibt es schon lange nicht mehr.

Von Uta Knapp, dpa